Über Frauen, die alles können, außer es laut sagen.
Du bist über 45. Du hast Berufserfahrung, von der jüngere Kolleginnen nur träumen können. Du hast Krisen überlebt, Unternehmen aufgebaut oder mitgetragen, Familien organisiert, Karrieren hingelegt, die kein Lebenslauf richtig abbildet.
Und jetzt bist du selbstständig. Und plötzlich sollst du dich „sichtbar machen.“ Dich „zeigen.“ „Deine Geschichte erzählen.“ „Authentisch sein.“ Am besten auf Instagram, mit Reel und Gesicht und Musik.
Und du denkst: Das ist doch nicht mein Ernst.
Nein. Ist es auch nicht. Aber das eigentliche Problem ist ein anderes.
Das Problem ist nicht die Sichtbarkeit
Das Problem ist, dass du dein Wissen, deine Erfahrung und deine Kompetenz wie ein Geheimnis behandelst.
Du hast ein Angebot. Aber du formulierst es so vorsichtig, dass niemand versteht, was es ist. Du hast einen Preis. Aber du sagst ihn so leise, dass die Leute denken, es sei verhandelbar. Du hast eine Meinung. Aber du polsterst sie mit so vielen Einschränkungen, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt.
Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Und alles mit dem, was Frauen über 40 gelernt haben: Sei nicht zu laut. Sei nicht zu fordernd. Sei dankbar, dass du überhaupt gefragt wirst.
Das war vielleicht mal überlebensnotwendig. In der Selbstständigkeit ist es tödlich.
Nett ist kein Geschäftsmodell
Ich treffe jede Woche Frauen, die fantastische Arbeit machen. Die ihre Kundinnen wirklich weiterbringen. Die Ergebnisse liefern, für die andere dreimal so viel verlangen.
Und dann frage ich: „Was steht auf deiner Webseite?“
Und da steht: „Ich begleite dich liebevoll auf deinem Weg zu mehr Klarheit und Leichtigkeit.“
Das ist nett. Und es ist wertlos. Weil es nichts sagt. Weil jede zweite Beraterin dasselbe auf ihrer Seite stehen hat. Weil die Kundin, die genau dein Angebot braucht, an diesem Satz vorbeiscrollt und bei jemand anderem bucht, der klarer formuliert.
Nicht besser. Klarer.
Warum Frauen über 45 die besten Voraussetzungen haben
Lass mich das mal anders aufdröseln. Was hast du mit über 45, was eine 28-Jährige nicht hat?
Du hast echte Erfahrung. Nicht „ich habe ein Zertifikat gemacht“, sondern „ich habe das zehn Jahre lang selbst gemacht und weiß, wo es hakt.“ Du hast Menschenkenntnis. Du erkennst in fünf Minuten, ob jemand es ernst meint oder sich selbst belügt. Du hast Frustrationstoleranz. Du weißt, dass nicht alles sofort klappt, und du gibst trotzdem nicht auf. Und du hast etwas, das unbezahlbar ist: Du weißt, was du nicht mehr willst.
Das ist kein Nachteil. Das ist dein größtes Kapital. Aber nur, wenn du es einsetzt. Nicht versteckst.
Was „zu leise“ dich kostet
Hier die wirtschaftliche Seite, weil die zählt.
Wenn du zu leise auftrittst, passieren drei Dinge. Erstens: Deine Wunschkundinnen finden dich nicht. Weil du in deiner Kommunikation so breit und weich bist, dass sie sich nicht angesprochen fühlen. Zweitens: Die falschen Kundinnen finden dich. Die, die wenig zahlen wollen und viel erwarten. Die, die „mal schauen“ wollen. Die, die dich mit einer Freundin verwechseln, die zufällig auch Beratung macht. Drittens: Du arbeitest mehr für weniger. Weil du kompensierst. Weil du denkst, wenn du nur genug gibst, wird es schon funktionieren.
Es funktioniert nicht. Es erschöpft dich.
Laut heißt nicht schreien
Ich sage nicht, dass du auf Instagram tanzen musst. Ich sage nicht, dass du dich täglich zeigen musst. Ich sage nicht, dass du eine Personal Brand wie eine 25-jährige Influencerin aufbauen musst.
Ich sage: Sag klar, was du tust. Für wen. Was es bringt. Was es kostet.
In ganzen Sätzen. Ohne Weichmacher. Ohne „vielleicht“ und „ein Stück weit“ und „unter anderem.“
Das reicht. Wenn der Inhalt stimmt, reicht Klarheit völlig aus. Du musst nicht laut sein. Du musst deutlich sein.
Eine Aufforderung
Geh auf deine Webseite. Lies den ersten Absatz. Und dann frag dich: Würde eine Fremde in zehn Sekunden verstehen, was ich anbiete und ob es für sie ist?
Wenn nein: Das ist nicht ein Marketing-Problem. Das ist ein Mut-Problem. Der Mut, dich festzulegen und es klar zu sagen.
Du hast alles, was du brauchst. Die Erfahrung. Das Wissen. Die Kompetenz. Dir fehlt nur der eine Satz, der das auf den Punkt bringt. Und der Entschluss, ihn nicht mehr zu verstecken.
Dieser Artikel ist für jede Frau über 45, die denkt, sie müsste erst noch etwas lernen, bevor sie sich zeigen darf. Du hast genug gelernt. Zeig, was du kannst. Aber bitte nicht liebevoll auf dem Weg zu mehr Leichtigkeit.