Jedenfalls nicht so, wie du denkst.
Wenn Leute hören, dass ich drei Gärten habe und einen Verlag, der „Zaubergarten“ heißt, denken sie sofort an Blümchen-Metaphern. Wachstum. Blühen. Samen säen und geduldig warten.
Das ist nicht, was ein Garten lehrt. Jedenfalls nicht, wenn man wirklich gärtnert und nicht nur darüber redet.
Was ein Garten lehrt, ist Schneiden.
Die wichtigste Arbeit im Garten ist Weglassen
Ich bin Gärtnermeisterin. Nicht im übertragenen Sinne. Im echten Sinne. Ich habe Erde unter den Fingernägeln und drei Gärten, die gepflegt werden wollen. Nicht als Hobby. Als Haltung.
Und das Erste, was du lernst, wenn du ernsthaft gärtnerst: Die meiste Arbeit besteht nicht darin, etwas zu pflanzen. Sie besteht darin, etwas rauszunehmen.
Rückschnitt. Auslichten. Entfernen, was zu dicht steht. Abschneiden, was zwar blüht, aber dem Rest die Kraft nimmt.
Jeder Anfänger pflanzt zu viel. Zu eng. Zu vieles gleichzeitig. Weil es sich produktiv anfühlt. Weil leere Erde sich anfühlt wie verschenkte Möglichkeit.
Klingt bekannt? Das ist dein Angebot. Das ist deine Webseite. Das sind deine fünf verschiedenen Programme, drei Freebies und sieben Zielgruppen.
Ein Garten braucht Struktur, kein Gefühl
Es gibt dieses Bild vom naturnahen Garten, in dem alles wild und frei wächst und trotzdem wunderschön ist. Das Bild ist eine Lüge. Oder zumindest eine Auslassung.
Jeder Garten, der „natürlich“ aussieht, ist brutal durchstrukturiert. Jede Pflanze steht, wo sie steht, weil jemand entschieden hat, dass sie dort steht. Und dass die andere dort nicht mehr steht.
In der Selbstständigkeit ist das genauso. Die Frauen, deren Business „mühelos“ wirkt, haben im Hintergrund klare Strukturen. Klare Angebote. Klare Preise. Klare Grenzen.
Mühelos sieht nur das Ergebnis von Festlegung aus. Der Weg dahin war alles andere als mühelos. Er war konsequent.
Was der Garten über Timing lehrt
Du kannst im Januar keine Tomaten ernten. Du kannst im August keinen Rasen neu anlegen. Du kannst im November keine Stauden teilen.
Im Garten akzeptiert jeder, dass es Zeiten gibt, in denen man wartet. Nicht weil man faul ist. Sondern weil es noch nicht dran ist.
In der Selbstständigkeit akzeptiert das niemand. Da soll alles sofort gehen. Der Kurs soll beim ersten Launch ausverkauft sein. Die Webseite soll am ersten Tag Anfragen bringen. Der Instagram-Account soll nach drei Wochen Ergebnisse zeigen.
Mein Garten hat mich gelehrt: Es gibt eine Zeit zum Pflanzen, eine zum Pflegen und eine zum Ernten. Und dazwischen gibt es lange Strecken, in denen nichts passiert. Jedenfalls nichts Sichtbares. Unter der Erde wachsen Wurzeln. Aber das sieht man nicht.
Die meisten Selbstständigen geben auf, bevor die Wurzeln greifen. Nicht weil der Plan falsch war. Sondern weil sie die Zwischenzeit nicht aushalten.
Und dann: der Rückschnitt
Irgendwann im Jahr steht jeder Gärtner vor einem Strauch, der zu groß geworden ist. Der in alle Richtungen wächst. Der zwar blüht, aber keine Form mehr hat.
Und dann greift man zur Schere. Und schneidet. Nicht ein bisschen. Richtig. Bis der Strauch kahl aussieht und jeder Nachbar fragt: „War das nötig?“
Ja. Es war nötig. Weil der Strauch im nächsten Jahr stärker austreibt. Konzentrierter. Kräftiger. Weil die Energie nicht mehr in zwanzig Richtungen geht, sondern in drei.
Das ist exakt das, was ich mit Unternehmerinnen mache. Wir schneiden. Angebote, die zu viel sind. Zielgruppen, die nicht passen. Preise, die zu niedrig sind. Formulierungen, die zu weich sind.
Es fühlt sich erst an wie Verlust. Und dann wie Klarheit.
Der Garten als Denkraum
Mein Garten ist kein Ausgleich zu meiner Arbeit. Er ist Teil meiner Arbeit.
Wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich raus. Nicht zum Entspannen. Sondern weil mein Kopf im Garten anders arbeitet. Langsamer. Genauer. Die Hände sind beschäftigt, und der Kopf macht, was er am besten kann: Muster erkennen. Strukturen sehen. Entscheidungen vorbereiten.
Die besten Ideen für mein Geschäft hatte ich nicht am Schreibtisch. Ich hatte sie zwischen Stauden und Kompost. Nicht weil der Garten magisch ist. Sondern weil er mich zwingt, in einem anderen Tempo zu denken als der Bildschirm.
Was du mitnehmen kannst, auch ohne Garten
Du brauchst keinen Garten, um das zu verstehen. Aber du brauchst eine Haltung, die versteht:
Mehr pflanzen ist nicht die Lösung. Mutiger schneiden ist die Lösung.
Struktur ist nicht das Gegenteil von Kreativität. Struktur ist die Voraussetzung dafür.
Warten ist keine Schwäche. Es ist Timing.
Und manchmal muss ein Strauch kahl geschnitten werden, damit er nächstes Jahr wieder richtig blüht. Das gilt für Gärten. Und für Geschäfte.
Dieser Artikel ist für jede Frau, die glaubt, sie müsste mehr machen. Du musst weniger machen. Aber das Richtige. Frag deinen Garten. Oder frag mich.