Über eine Branche, die Weichheit mit Kompetenz verwechselt.
Ich bin in einer Branche gelandet, in der Sätze wie diese als professionell gelten:
„Ich halte den Raum für dich.“ „Lass uns schauen, was sich zeigen will.“ „Vertrau dem Prozess.“ „Du darfst dir erlauben, anzukommen.“
Wenn du bei diesen Sätzen nickst: Dieser Artikel ist nicht für dich. Wenn du bei diesen Sätzen eine leichte Übelkeit spürst: Willkommen. Du bist richtig hier.
Das Problem mit Coaching-Sprech
Coaching-Sprech ist eine eigene Sprache. Sie klingt warm. Sie klingt verständnisvoll. Sie klingt nach jemandem, der sich um dich kümmert.
Und sie sagt: nichts.
„Ich halte den Raum“ bedeutet: Ich sitze da, während du redest, und ich unterbreche dich nicht. Das ist keine Dienstleistung. Das ist grundlegender Anstand.
„Lass uns schauen, was sich zeigen will“ bedeutet: Ich habe keinen Plan, also warten wir ab und hoffen, dass irgendwas passiert.
„Vertrau dem Prozess“ bedeutet: Ich kann dir nicht sagen, wann du ein Ergebnis bekommst. Vielleicht nie. Aber das liegt dann an dir, nicht an meinem Angebot.
Ich übertreibe? Geh auf zehn Webseiten von Coaches und Beraterinnen. Lies die Texte. Versuch herauszufinden, was genau du dort bekommst, für wen es ist und was es kostet. Viel Erfolg.
Warum die Branche so weich geworden ist
Es gibt Gründe dafür und sie sind nicht alle schlecht.
Viele Beraterinnen und Coaches kommen aus helfenden Berufen. Sie sind empathisch. Sie wollen niemanden verschrecken. Sie haben gelernt, dass Menschen sich öffnen, wenn man sanft mit ihnen umgeht. Und das stimmt auch. In einer therapeutischen Sitzung.
Aber wir reden hier nicht über Therapie. Wir reden über Geschäft. Über Angebote, die verkauft werden wollen. Über Webseiten, die konvertieren sollen. Über Preise, die bezahlt werden müssen.
Und im Geschäft ist Weichheit kein Service. Weichheit ist Unklarheit in schöner Verpackung.
Kulisse als Kompetenz
Es gibt ein Phänomen in dieser Branche, das mich seit Jahren beschäftigt: Je weniger konkret das Angebot, desto aufwändiger die Kulisse.
Schöne Farben. Professionelle Fotos in der Natur. Kerzenlicht-Ästhetik. Handschrift-Fonts. Und dazwischen Sätze wie: „Ich begleite ambitionierte Frauen auf ihrem Weg in ein erfülltes Leben.“
Was heißt das? Was bekomme ich? Was ist das Ergebnis? Was kostet es?
Nichts davon wird beantwortet. Weil die Kulisse die Fragen übertönen soll. Und bei manchen funktioniert das. Sie buchen, weil es sich schön anfühlt. Und merken erst später, dass sie nicht wissen, wofür sie bezahlt haben.
Was ich anders mache. Und warum.
Ich komme nicht aus der Coaching-Welt. Ich komme aus Zahlen, aus Betrieb, aus echten Unternehmen, in denen am Ende des Monats ein Kontoauszug kam, der keine Meinung hatte.
Und deshalb rede ich anders.
Wenn ich sage „Dein Angebot ist zu breit“, dann meine ich nicht „Vielleicht könntest du darüber nachdenken, ob eine Fokussierung für dich stimmig wäre.“ Ich meine: Es ist zu breit. Streich drei Sachen. Heute.
Wenn ich sage „Dein Preis ist zu niedrig“, dann meine ich nicht „Du darfst dir erlauben, deinen Wert zu erkennen.“ Ich meine: Erhöh den Preis. Jetzt. Und halt ihn.
Wenn ich sage „Das funktioniert nicht“, dann meine ich nicht „Lass uns schauen, was sich zeigen will.“ Ich meine: Das funktioniert nicht. Mach es anders.
Das ist nicht gemein. Das ist Respekt. Weil ich davon ausgehe, dass du erwachsen genug bist, die Wahrheit zu hören. Und dass du sie sogar willst.
Klartext ist kein Stil. Klartext ist eine Entscheidung.
Ich könnte auch weich formulieren. Ich könnte meine Webseite mit Aquarellfarben und „Deine Reise beginnt hier“ gestalten. Ich könnte von „Transformationen“ sprechen statt von Entscheidungen.
Aber dann würde ich genau das tun, wovon ich meinen Kundinnen abrate: Unklar sein, um niemandem wehzutun.
Klartext filtert. Die, die ihn nicht vertragen, gehen. Die, die ihn brauchen, bleiben. Und die, die bleiben, sind die Richtigen. Für mich. Und für sich selbst.
Ein Vorschlag
Lies die Texte auf deiner eigenen Webseite. Und überall, wo du „begleiten“, „Raum halten“, „Prozess“ oder „dürfen“ geschrieben hast, frag dich: Was meine ich eigentlich?
Und dann schreib das hin. Das, was du eigentlich meinst. Ohne Verpackung. Ohne Weichmacher. Ohne die Angst, dass jemand es zu direkt finden könnte.
Die Leute, die es zu direkt finden, sind nicht deine Kundinnen. Die, die aufatmen und denken „Endlich sagt es mal jemand“, sind es.
Dieser Artikel ist für jede Frau in dieser Branche, die beim Lesen ihrer eigenen Webseite leise denkt: „Das klingt wie alle anderen.“ Genau. Ändere das.